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nora  30/01/12   11:54:52 Datum
Message "Drachenläufer" und "Tausend strahlende Sonnen" von Khaled Hosseini Beide Romane sind berührende Erzählungen, die in Afganistan der letzten 40 Jahre spielen. Obwohl die Geschichten voll von Grausamkeit und Unmenschlichkeit sind, und kein "richtiges Happyend" haben, vermitteln sie doch Hoffnung. An mehreren Stellen musste ich weinen und hatte mehrere Alpträume. Besonders beeindruckend ist Hosseinis Vermögen sowohl männliche als auch weibliche Charaktere glaubhaft zu zeichnen.


Joachim  12/10/11   12:26:04 Datum
Message Burckhard Garbe: Goodbye Goethe (Sprachglossen zum Neudeutsch)
Einer jener kleinen „Unverhofft kommt oft“ Glücksfälle, die man manchmal unbestellt, aber doch wie gerufen, in die Hand bekommt. Mit seinen knapp 160 Seiten ist es ja eher noch ein Büchlein, als ein Buch. Trotzdem habe ich von August, als es mir meine Frau von einem zufällig gestreiften Büchertisch mitbrachte, bis jetzt daran gelesen. Immer wieder kleine Portionen, mitunter als Dessert, mitunter als Aperitif zu dem, was das Lesemenü des Tages sonst so zu bieten hatte.
Dem guten alten Goethe wird im vorletzten Kapitel an Hand zahlreicher unreiner Reime aus seiner Feder nachgewiesen, dass der in Frankfurt geborene und breitestes Hessisch sprechende alte Meister, durchaus auch in die Kategorie Mundartdichter einzureihen ist. Mit unreinen Reimen sind übrigens nicht unbedingt jene Frivolitäten Goethes gemeint, die vorgeblich gedankenkeusche Menschen mitunter in der Lade mit der Aufschrift „schmutzig“ ablegen. („Goethe war ein Schwein“, wollte mich eine Tante seinerzeit lehren; heute frage ich mich manchmal, ob das ein Versuch von ihr war, mein Interesse für klassische deutsche Dichtung zu wecken.)
Abgesehen von den letzten beiden Kapiteln beschäftigt sich das Buch mit dem Untertitel „Sprachglossen zum Neudeutsch“ aber gänzlich mit sprachlichen Erscheinungsbildern, die die letzten Jahre und Jahrzehnte hervorgebracht haben. Burckhard Garbe gelingt die Auseinandersetzung mit Seltsamkeiten und innovativen Ideen bezüglich der deutschen Sprache für meinen Geschmack über weite Strecken durchaus amüsant. Diesen Halbsatz aus einer anderen Rezension zum selben Buch „...den Geschmack der großen Allgemeinheit wird er damit wohl nicht treffen.“ betrachte ich als „Prädikat wertvoll“. Wem etwas schmeckt, weil es allen schmeckt, der darf sich ja seine Meinung gerne von der Werbemaschinerie der großen Buchhandelsfilialisten und Internetriesen vorkauen lassen.
Die Themen der einzelnen Glossen des Buches sind bunt gemischt. Sie beleuchten den täglichen Sprachgebrauch unter verschiedenen Lichtern: Rechtschreibung, Grammatik, Abkürzungssprache, Werbung, Denglisch, Sexualsprache und Märchensprache sind einige davon.

Autor
Burckhard Garbe, geboren 1941, Dr. phil., ist Schriftsteller und germanistischer Hochschullehrer i. R. (Uni Göttingen). Seit 1977 leitet er auch einen von ihm gegründeten Lyrik-Workshop. Für seine über 200 Textveröffentlichungen und 32 Buchveröffentlichungen erhielt er 12 literarische Auszeichnungen und Preise - so z.B. den Niedersächsischen Kunstpreis für Literatur.


ines  02/09/11   08:28:36 Datum
Message Holger Karsten Schmidt - Isenhart

Ein Serienmörder im hohen Mittelalter. Der junge Schmied Isenhart versucht ihm als früher »Profiler« auf die Spur zu kommen – und zugleich dem Geheimnis seiner eigenen Existenz. Ein umwerfend spannender Roman aus einer Zeit, in der der freie Geist mit Denkverboten rang – und die uns gar nicht so fern erscheint.

So viel zum Klappentext, doch eigentlich verbirgt sich viel mehr dahinter. Als Profiler hätte ich Isenahrt nicht gesehen, vielmehr als Denker, der seiner Zeit voraus war und der, wie er selbst behauptet, in die falsche Zeit hinein geboren wurde. Dies hält ihn jedoch nicht ab, den Dingen auf den Grund zu gehen, Erkenntnis zu erlangen und stundenlang in seiner Gedankenwelt zu verschwinden, während sein Freund Konrad, ehemaliger Fürstensohn von Laurin, nur daneben warten kann, bis Isenhart wieder aus seiner Welt auftaucht. Dennoch die beiden verbindet viel und ihr gemeinsamer Weg führt durch eine Unzahl aneinandergereihter Seiten, von der nicht eine als unspannend bezeichnet werden kann.

Auch versteht es der Autor die Zeit so einzufangen, ohne seinen Leser mit den üblichen Klischees des Mittelalters übermäßig zu quälen, auch wenn er nicht ganz darum herum kommt. Seine Charaktäre sind wohl durchdacht, stimmig und widersprechen sich nicht, auch wenn sie dadurch gegen Ende des Buches vorhersehbar werden, so tut das dem Lesevergnügen keinen Abbruch.

Bei diesem gelungenen Roman ist somit "Alles in Butter" - und wer das Buch liest, weiß warum ich dies so kommentiere. Smile

Eines jedoch sollte nicht ungesagt bleiben. Isenhart wurde in Koproduktion mit dem ORF verfilmt und wird am 11.9.2011 gesendet. Wer sich also um sein Lesevergnügen bringen will, dem soll man den Film nicht verwehren, doch alleine von den Besetzungsfotos her zu urteilen, kann ich nur davon abraten!!

lg ines


ERIKA  27/06/11   07:26:12 Datum
Message hier ein paar historische-fakten-abenteuergeschichten-bücher, die ich sehr interessant und spannend fand, noch dazu in einer sprache, die man geniessen kann:



alex capus: „eine frage der zeit“ (ein kapitel der deutschen kolonialgeschichte: drei norddeutsche werftarbeiter werden 1913 von kaiser wilhelm II. beauftragt, ein dampfschiff in seine einzelteile zu zerlegen und am tanganikasee südlich des kilimandscharo wieder zusammenzusetzen); erschienen 2007;



john griesemer: „rausch“ (erzählt die geschichte der verlegung des ersten transatlantikkabels in der 1850er und 60er jahren. der roman mischt tatsächliche und fiktive personen und beschreibt nicht nur die technischen herausforderungen der pioniertat, sondern handelt auch vom privatleben der hauptfiguren); erschienen 2003;



andrea barrett: „jenseits des nordmeers“ (philadelphia 1855. der naturforscher erasmus darwin wells hält sein leben nach einer glücklosen antarktisexpedition für gescheitert. bis ihm zecheriah voorhees, anbietet, ihn auf einer expedition in die arktis zu begleiten. er will den spuren von sir john franklin folgen, dessen schiff auf der suche nach der mythischen nordwest-passage im arktischen norden verschollen ist); erschienen 2001;



erik larson: „der teufel von chicago“ (ein architekt, ein mörder und die weltausstellung von chicago 1893: der stararchitekt daniel h. burnham trotzt gemeinsam mit dem landschaftsarchitekten frederick law olmstedt den sümpfen des lake michigan in nur drei jahren bauzeit die magische "white city" zum ruhm chicagos ab – die planung, die technische machbarkeit, die politik stehen im mittelpunkt; der frauenmörder h.h. holmes nutzt die weltausstellung für seine dunklen zwecke - die krimihandlung ist spannend, aber nicht dominant); erschienen 2003;



josé saramago: „die reise des elephanten“ (erzählt von der reise eines elefanten, die sich 1551 tatsächlich zugetragen hat und von lissabon bis nach wien durch ganz europa führt; der elephant wurde von portugiesischen kolonialherren aus goa an den hof von johann III. von portugal verschleppt; die königin macht ihn dem großherzog maximilian aus wien zum geschenk; zur sicherheit begleitet ihn ein großer militärischer tross; der indische mahut, für den elephanten verantwortlich, ist narr und weiser zugleich und demaskiert häufig seine zeitgenossen); erschienen 2008;



und zum schluss für jene lesenden in unserer runde, die in absehbarer zeit keine weltreise planen:



claudio magris: „das nilpferd von lund“ (eine sammlung von reiseessays: auf den spuren von don quijote in spanien; die wohnung von dostojewski in leningrad, in welcher er den raskolnikow schrieb; das heimatmuseum von lund mit dem titelgebenden tier; eine jüdisch – orthodoxe hochzeit in mexico city; ein musikautomat in zagreb; eine reise zu den lausitzer sorben; das grab von goethe’s lotte; in der bisiacaria; ecc); erschienen 2005;



und – weil wir gerade so schön unterwegs sind – noch ein bewegendes buch:

karl – markus gauß: „die sterbenden europäer“ (unterwegs zu den sorben, aromunen, gottscheer deutschen, arabereshe und den sepharden von sarajewo; in diesem buch entdeckt man das europa der restvölker, "der ethnischen und sprachlichen trümmerlandschaften" von minderheiten); erschienen 2001;



keep on reading!


sabine  21/06/11   06:58:09 Datum
Message das "OFFENE BUCH" - ?!

mehr dazu aus dem MÖP-newsletter:
> Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an Erwachsene und ist in
Kooperation mit der Mobilen-Buchhandlung in Person von Sabine
Krenmayr-Wagner
>
>
>
> Hinter jedem Buch verbirgt sich ein Geheimnis. Wir wagen uns, die
Buchdeckel zu öffnen und einige dieser Geheimnisse zu entbergen, den
Ohren lustvoll aufzubereiten und die Leseneugier zu wecken.
>
>
>
> Für alle die immer auf der Suche nach einem guten Buch und neuen
Leseanregungen sind, stellt Sabine Krenmayr-Wagner in der gemütlichen
Atmosphäre des MÖP-Figurentheaters lesenswerte Neuerscheinungen und
altbewährte Lieblingstitel vor und nimmt Bestellungen entgegen. Martin
Müller liest ausgewählte Passagen aus den präsentierten Büchern vor.
>
>
>
> Die neuen Wirte des Altstadtheurigen, also unsere Nachbarn, Henriette
Horny und Norbert Stock, sorgen mit ausgezeichneten, biologisch
angebauten Weinen und Speisen neben dem Ohren- für den angemessenen
Gaumenschmaus.
>
>
>
> „Das offene Buch“ wird ein monatlicher Jour-fix und ist offen für
viele Buchdeckel sowie für Besucher, die ihre Leseerfahrungen und
Lieblingslektüren mit anderen teilen wollen. Es dürfen also auch gern
eigene Bücher mitgebracht und vorgestellt werden.

DAS NÄCHSTEMAL AM 7.7. um 20.00
im MÖP, pfarrgasse 2, 2340 mödling!
Laughing


sabine  21/06/11   06:48:33 Datum
Message mein lesen in und mit den diversen leserunden erinnert mich gerade an stickereien mit verschlungenen fäden - oder ist das das wesen jeglicher buchempfehlungen, dass sie unversehens wieder zur absenderin zurückkommen und manchmal neues mit bringen...

sichtbar gemacht am beispiel "zaira" von catalin dorian florescu:
in den semesterferien in oö empfiehlt mir eine freundin dieses buch, in der südstadt-bücherei fällt es mir vor die füße, im "offenen buch" am 5.5. wird daraus vorgelesen und davon erzählt, was dazu führt, dass es mehrfach verkauft und gelesen wird und beim nächsten, dem 5. offenen buch wieder die rede draufkommt, was darin endet, dass neue bestellungen eingehen und es gestern prompt gegen meine stimme, die damit aber nichts über die qualität des buches aussagt in einer ganz anderen literaturrunde als buch für das septembertreffen gewählt wird...
wenn sie jetzt verwirrt sind, wären sie es bei der lektüre dieses verschlungen, schillernden, bunten, erdigen romans vermutlich auch, wenn nicht haben sie vielleicht DAS urlaubsbuch des sommers 2011 entdeckt!

was lässt die dtv-verlagwebsite zum inhalt wissen?
"Nach Jahrzehnten im amerikanischen Exil kehrt die Puppenspielerin Zaira nach Bukarest zurück und lässt ihre schwindelerregende Lebensreise Revue passieren: die Kindheitsidylle auf dem großelterlichen Landgut, die Schrecken der Kriegsjahre, die abenteuerliche Flucht in den Westen, ihre Begabung als Marionettenspielerin - und ihre große Liebe zu Traian. Ihn hatte sie einst verlassen, aber nie vergessen. Nun will sie ihn wiedersehen."


sabine  20/06/11   10:28:24 Datum
Message Mir ist ein Buch mit dem Titel „Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder – Was Eltern von Jesus lernen können“ ( 978-3-466-36836-5, Euro 15,40) in die Hand gefallen, gelesen habe ich es eigentlich wegen dem Autor Wolfgang Bergmann, der sich mir mit „Warum unsere Kinder ein Glück sind“ als Antwort auf „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ von Michael Winterhoff ins Herz geschrieben hat.
Der 1948 geborenen Erziehungswissenschaftler und Kinder- und Familienpsychologe Bergmann ist Mitglied von einigen Expertenrunden und häufiger Gast in Fernsehsendungen, schreibt Zeitungsartikel und Bücher, auch gemeinsam mit Kollegen wie Gerald Hüther.
Motiviert durch seine kürzlich ausgebrochene, unheilbare Krebserkrankung hat er die Stiftung „für kinder“ ins Leben gerufen, deren Anliegen ich nicht komplett teile. http://www.fuerkinder.org/


Was wir von Jesus lernen können?
„Seine Haltung, seine Worte, der Klang seiner Worte, seine Bilder und Metaphern in den Gleichnissen – alles ist durchströmt von einem innigen Geist des Lebendigen. … Nicht was wir sagen, nicht was wir wollen. Nein nur was wir sind, berührt unsere Kinder, prägt und „erzieht“ sie.“

Alles aufzuzählen, was in dem Buch als Beispiel und Anregung angeführt wird, würde den Rahmen dieser Buchbesprechung sprengen.
„Kinder sind ein Geheimnis. Sie gehören nicht irgendwelchen pädagogischen Ideen und moralischen Grundsätzen, nicht dem Ehrgeiz und nicht der Erziehungskunst ihrer Eltern -
sie gehören nur sich selbst und jenem Welträtsel, dem sie entsprungen sind. Wer Kinder liebt und sich ihnen zuwendet, wie Jesus es tat, der ist selbst dem Geheimnis des Lebens und der Liebe nahe." Neben diesem vom Autor oder Verlag dadurch dass er auf den Buchrücken gedruckt wurde besonders betonten Aspekt möchte ich noch das Kapitel „Zorn ist auch Menschlichkeit“ einbringen.
Mit dem „Zorn der Wahrhaftigkeit“ ist Jesus in Konflikte gegangen, wenn er sich auf der Seite der Wahrheit wusste, nicht verwunden „pädagogisch“ hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, sondern klar, entschieden, authentisch, radikal. Aber auch das gehört zur Wahrhaftigkeit, dass ich mich selbst hinterfrage, „überprüfe: Wie nahe war ich der Wahrheit? Oder waren es nur dumpfe Emotionen, die ich in dem Moment, als ich auf mein Kind einschimpfte und Strafen verhängen wollte, für mein authentisches Selbst hielt?...Wahrhaftigkeit ist eine große Aufgabe, wir erfüllen sie nicht, aber schon unser Streben nach ihr wird von anderen Menschen wahrgenommen. Von unseren Kindern mehr als von irgendjemandem sonst.“


diana karabinova  19/06/11   21:11:45 Datum
Message „Trotzdem erreicht“ – weibliche Perspektiven einer Bildungs- und Sozialresilienz



Beatrice Kustor-Hüttl stellt die Ergebnisse ihrer spannenden wissenschaftlichen Studie zum Thema Bildungserfolg in der Migration vor. Das Buch verdankt seine Dichte und Aussagekraft wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem reflektierten Aufgreifen von Lebensgeschichten.

Im theoretischen Teil des Buches definiert die Autorin „Resilienz“ als „Fähigkeit zum (aktiven) Widerstand gegen Stress und ungünstige psychosoziale Lebensbedingungen“. Den Themen Trauma und Risiko in der Migration und dem Stand in der Migrationsforschung wird Bedeutung zugemessen.

Methodisch bedient sich die Forscherin der qualitativen Resilienzforschung, arbeitet mit biografisch-qualitativen Interviews mit 6 bildungserfolgreichen Frauen im Alter von 25-40 Jahren (Gemeinsamkeit ist Deutsch als Zweitsprache für alle Probandinnen) und analysiert deren trotz „widriger Umstände“ erreichten Bildungserfolg.

Die Autorin folgt einem Ansatz, der die Erfahrungen stressbelasteter oder auch traumatischer Lebensumstände in der Migration und den kreativen Gestaltungswillen im Bildungserwerb zusammenhängend widerspiegelt. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Forschung ist die Erkenntnis der Autorin, dass die Resilienz ihrer Probandinnen auf ihre Fähigkeit, „das kulturelle Kapital“ ihrer weiblichen Netzwerke in der Familie (sehr oft die unterstützende Beziehung zu der Mutter) zu nutzen, zurückzugreift.

Das Buch verdeutlicht, welche enormen Anpassungsleistungen besonders Migrantinnen erbringen müssen, um Anerkennung in der Aufnahmegesellschaft erlangen zu können. Es ist auch eine wissenschaftlich untermauerte Hypothese, dass das Potenzial von Frauen und Mädchen in der Migration bislang nicht ausreichend gefördert wurde. Das Buch thematisiert den bisher einseitigen Blick der Forschung auf Hemmnisse und Barrieren für Frauen mit Migrationshintergrund zu Bildungsangeboten und leistet eine wichtige Ergänzung zu dieser vieldiskutierten Materie.

Sehr empfehlenswert!Die Lebensgeschichten alleine lesen sich wie spannende Bücher!



Diana Karabinova



Beatrice Kustor-Hüttl: Weibliche Strategien der Resilienz. Berufserfolg in der Migration. 304 Seiten, Brandes &Apsel Verlag, Frankufurt am Main 2011 EUR 29,90


sabine  21/05/11   15:26:28 Datum
Message ohne worte, nur der link!
Very happy


Joachim Samstag  21/05/11   07:35:31 Datum
Message Thomas Glavinic - LISA

„Ich bin ja keiner, der Koksen schön redet.“
Ich auch nicht. Wahrscheinlich noch viel weniger, als der Protagonist in Thomas Glavincs LISA. Im Gegensatz zu dem, der diesen Satz ziemlich zu Beginn des Romans ausspricht, fehlt mir zu diesem Thema auch die Erfahrung.
Koks und Co war nie meins. Obwohl: wenn der Mann, der da im versteckten Waldhäuschen nächtliche Internetradiosessions abhält, während sein kleiner Sohn schläft, zwischendurch irrtümlich Parmesan schnupft – wer weiß was vielleicht irrtümlich schon mal auf meinen Spaghetti gelandet ist?
Ich würde ihn gerne beim Namen nennen. Aber entweder hält er sich so geschickt bedeckt, dass er ihn wirklich den ganzen Roman lang nicht verrät, oder er tut es so leise, dass ich es überlesen habe.
Ein guter Freund von ihm heißt Hilgert. Das kann man nicht überhören. Ihn bewundert er und gleichzeitig bangt er um ihn. Denn Hilgert ist Lisa auf der Spur. Und Lisa ist nicht zimperlich. Das wird deutlich, während wir Geschichten über Vorderfussgerichte, die Liebe und das Leben im Allgemeinen hören. Manchmal redet der temporäre Waldmensch über große Dinge, wenn er auf Sendung geht, manchmal über läppische Nebensächlichkeiten. Fast immer aber erzählt er pointiert, selten nimmt er sich ein Blatt vor den Mund und stets fühle ich mich gut unterhalten.
Was Sprache angeht, bin ich wie Lisa in anderen Dingen: nicht zimperlich. Das ist an manchen Stellen des Textes wahrscheinlich hilfreich. Aber wenn der Roman in den Niederungen des für jedermann realen Alltages vorbeikommt, verliert er sich manchmal nahezu in Höflichkeitsfloskeln. Im Zusammenhang mit Usern von Foren, die ihr Gift in Tageszeitungen posten, wären mir wahrscheinlich noch andere Vokabeln als „Internet-Niedertracht, Heckenschützentum und eklig“, die im Buch verwendeten Liebkosungen, eingefallen. Den expliziten Hinweis auf die Poster, die sich im „Standard“ tummeln, empfinde ich in dem Zusammenhang als ein treffendes Beispiel.
So viel kann man über Lisa ruhig verraten, ohne dem Lesegenuss die Spannung zu nehmen: „Lisa ist eine Spur anders als ihr und ich.“ Ein Satz aus der auflösenden Erklärung, wer Lisa ist. Aber das weiß man ohnehin schon das ganze Buch lang, das man selbst anders als Lisa und wahrscheinlich auch anders als der Erzähler ist. Dem aber vielleicht doch immer wieder mal ähnlich, denn wer verhält sich nicht manchmal seltsam, wenn es eng wird?
„Komisches Ende“, mögen manche nach der letzten Seite sagen. Mir ist das Ende bei diesem Buch so egal, wie selten der Schluss einer Geschichte; irgendwie ist die ganze Zeit klar: irgendwann muss es vorbei sein, egal unter welchem fadenscheinigen Vorwand.
Leserausch statt Giftrausch. Lisa lesen!


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